Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Autoimmunerkrankung von Gehirn und Rückenmark, von der weltweit fast 3 Millionen Menschen betroffen sind, und die emotionale Belastung ist ebenso real wie die körperlichen Symptome. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von 2017 im Journal of the Neurological Sciences, die 58 Studien mit 87.756 MS-Betroffenen zusammenführte, ergab eine gepoolte mittlere Prävalenz von 30,5 % für Depression und 22,1 % für Angst – zu den höchsten Raten aller chronischen neurologischen Erkrankungen. Anders gesagt: Fast ein Drittel der Menschen mit MS erlebt klinisch bedeutsame Depression, und mehr als ein Fünftel erlebt bedeutsame Angst, wobei die gleiche Übersichtsarbeit zeigte, dass belastende Symptome sogar häufiger auftraten als formal diagnostizierte Störungen.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die schützende Hülle der Nervenfasern (Myelin) in Gehirn und Rückenmark angreift und dadurch die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper stört. Die Symptome variieren stark von Person zu Person und können Taubheitsgefühle, Sehstörungen, Muskelschwäche, Koordinationsprobleme und tiefgreifende Erschöpfung umfassen. Die meisten Menschen erhalten die Diagnose schubförmig-remittierende MS, das heißt, Symptome flammen unvorhersehbar auf und klingen dann teilweise oder vollständig wieder ab – ein Muster, das Planung, Arbeit und das Vertrauen in den eigenen Körper wirklich erschwert.
Häufige Belastungen und alltägliche Anzeichen
- Leben mit Ungewissheit. Nicht zu wissen, wann oder wie schwer der nächste Schub eintritt, kann selbst in stabilen Phasen eine ständige Grundangst erzeugen.
- Überwältigende Erschöpfung. MS-Fatigue wird oft als anders als gewöhnliche Müdigkeit beschrieben – eine schwere, den ganzen Körper erfassende Erschöpfung, die sich nicht durch Ruhe löst und selbst einfache Tagespläne durcheinanderbringen kann.
- Trauer um einen sich verändernden Körper. Der Verlust von Beweglichkeit, Sehkraft oder Feinmotorik – selbst nur vorübergehend während eines Schubs – kann echte Trauer um Fähigkeiten und Unabhängigkeit auslösen, die zuvor selbstverständlich waren.
- Kognitive Veränderungen. Viele Menschen mit MS bemerken verlangsamtes Denken, Wortfindungsstörungen oder Gedächtnislücken, was beängstigend sein kann und von anderen oft als „mangelnde Anstrengung“ missverstanden wird.
- Sich als Last fühlen. Während eines Schubs mehr Hilfe bei alltäglichen Aufgaben zu benötigen, kann Scham oder Schuldgefühle auslösen, selbst wenn Angehörige gerne helfen.
Warum es für das Wohlbefinden wichtig ist
Depression und Angst bei MS sind nicht nur eine psychologische Reaktion auf eine schwere Diagnose – sie können auch direkt aus dem Krankheitsprozess selbst entstehen, da MS-Läsionen häufig Hirnregionen betreffen, die die Stimmung regulieren. Bleiben sie unbehandelt, sind psychische Belastungen bei MS mit stärkerer Erschöpfung, schlechterer Therapietreue und geringerer Lebensqualität verbunden, weshalb emotionale Fürsorge ebenso wichtig ist wie die Behandlung körperlicher Symptome. Der unvorhersehbare, schubförmig-remittierende Verlauf der Erkrankung schafft zudem eine besondere Form von Uneindeutigen Verlust verstehen, da Betroffene immer wieder Fähigkeiten betrauern, die kommen und gehen, ohne je zu einem festen Gefühl dafür zu finden, was der Körper leisten kann.
Bewältigungs- und Behandlungsansätze
Weil Depression und Angst bei MS so häufig sind, empfehlen viele neurologische Kliniken inzwischen ein routinemäßiges Screening der psychischen Gesundheit begleitend zu den üblichen neurologischen Kontrollen, statt auf eine Krise zu warten. Kognitive Verhaltenstherapie hat starke Evidenz zur Behandlung MS-bedingter Depression und Angst und kann speziell auf die Ungewissheit und den Kontrollverlust eines schubförmig-remittierenden Verlaufs zugeschnitten werden. Da MS grundsätzlich eine Chronische Krankheit oder Schmerzen ist, sind Pacing-Strategien und Energiemanagement essenziell, um die typische Long COVID, CFS/ME & Pacing der Erkrankung zu bewältigen, was wiederum die Stimmung schützt und Überforderung verringert. Viele Menschen mit MS erleben auch Umgang mit chronischen Schmerzen – von Muskelspastik bis zu Nervenschmerzen – und diesen direkt zu behandeln, statt ihn als separates Thema zu betrachten, ist ein wichtiger Teil umfassender Versorgung.
Alltägliche Tipps
- Erfassen Sie Muster, nicht nur Symptome. Stimmung neben körperlichen Symptomen zu notieren, kann Ihnen und Ihrem Behandlungsteam helfen, Zusammenhänge zwischen Schüben, Erschöpfung und Wohlbefinden zu erkennen.
- Sprechen Sie Ihre Neurologin direkt auf psychische Gesundheit an. Depression und Angst bei MS sind häufig und behandelbar, werden aber bei Terminen, die sich auf körperliche Symptome konzentrieren, nicht immer von selbst zur Sprache gebracht.
- Planen Sie Ruhe an guten Tagen ein, nicht nur an schlechten. Pacing, bevor die Erschöpfung eintritt, statt erst danach, kann helfen, die schlimmsten Symptomspiralen zu verhindern.
- Lassen Sie Vergleiche mit dem „Mithalten“ los. Die heutige Belastbarkeit mit der vom letzten Jahr oder mit der anderer zu vergleichen, führt eher zu Frustration als zu Hilfe.
- Verbinden Sie sich mit anderen Betroffenen. MS-Selbsthilfegruppen, ob persönlich oder online, können die Isolation einer Krankheit verringern, die andere oft nicht sehen oder ganz verstehen können.
Wo du mehr findest
Diese Seite dient allgemeinen Informations- und Unterstützungszwecken und ersetzt keine professionelle medizinische, rechtliche oder psychologische Beratung.